Hellste-Koepfe. Ich will wissen, woher mein Fach kommt.
Wir planen Wartungsarbeiten am 12. April 2010 in der Zeit von 11 bis 18 Uhr.

Ich will wissen, woher mein Fach kommt

Dr. med. Franziska Eckert, seit 2013 Fachärztin für Strahlentherapie, engagiert sich neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit für die Aufarbeitung der NS-Geschichte ihres Faches. Unter anderem ist sie Mitglied der Geschichtskommission von DRG und DEGRO. Im Interview mit der Hellsten-Köpfe-Redaktion schildert sie ihre Beweggründe.


DRG: Neben Ihrer Tätigkeit in der Strahlentherapie des Uniklinikums Tübingen setzen Sie sich für die Aufarbeitung der Geschichte Ihres Fachs in den Jahren 1933-1945 ein. Was hat Sie zu dem Engagement bewogen?

Eckert: Das hatte weniger berufliche Gründe, sondern einen familiären Antrieb. Ich bin in der Geschichte meiner Großeltern über Schreckliches gestolpert – mein Großvater war bei der Waffen-SS an der Ostfront und aktiv am Genozid beteiligt. Angefangen hat mein Engagement mit dem „Marsch des Lebens“, eine christliche Initiative, die in Tübingen ihren Ursprung nahm. Es gab hier in der Region verschiedene Arbeitslager, bekannt unter dem Namen „Unternehmen Wüste“, in denen die Häftlinge an der Gewinnung von Öl aus Ölschiefer arbeiten mussten. Mit Vorrücken der Amerikaner wurden die Lager aufgelöst und die Häftlinge auf Todesmärsche nach Dachau geschickt. Als „Marsch des Lebens“ sind wir 2007 den Weg nachgegangen, um an das Schicksal dieser Menschen zu erinnern und einen Ort der Erinnerung und der Versöhnung zu schaffen. Die Idee hat sich fortgepflanzt, es gibt „Märsche des Lebens“ in vielen Regionen Deutschlands und Osteuropas, oftmals unter Beteiligung von KZ-Überlebenden. Parallel entwickelte sich die Tochterbewegung „March of Remembrance“ in den USA und weiteren Ländern. Das ist sehr bewegend und prägend.


Sie sind Vertreterin Ihrer Fachgesellschaft in der Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Deutschen Röntgengesellschaft. Welche historischen Erkenntnisse haben Sie am meisten bewegt?

Schon vor Berufung in die Geschichtskommission der DRG und der DEGRO habe ich mich intensiv mit dem Thema Strahlensterilisation in Auschwitz auseinandergesetzt. Die Menschenversuche  in Auschwitz erschrecken mit ihrer Brutalität und Menschenverachtung. Viele der bestrahlten Opfer wurden hinterher operiert um die Bestrahlungseffekte auf Eierstöcke und Hoden histologisch zu untersuchen. Die andere Seite, die mich sehr erschüttert hat, ist, dass es sich keineswegs um abnormale Einzeltäter handelte. Fast jede strahlentherapeutische Klinik hatte die Zulassung zur Strahlensterilisation im Rahmen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Ein Erlass der NS-Gesundheitsbehörden, datiert auf die Jahre 1942/43, regelt das Prozedere für den experimentellen Umgang mit russischen Kriegsgefangenen.“ Dieser wurde von nahezu allen Universitäten angefragt.


Wo gibt es aus Ihrer Sicht Lücken der Aufarbeitung?

Ich glaube, dass es weniger eine Frage wissenschaftlicher Lücken ist, sondern des Transfers. Es wissen zu wenige davon, was die Historiker erarbeitet haben. Lücken gibt es freilich bei regionalen und lokalen Fragestellungen. Die Uniklinik Tübingen etwa spielte im NS-Wissenschaftsbetrieb eine Vorreiterrolle. Aber erst spät - mit Professor Urban Wiesing - hat man begonnen, die vielfältigen Verstrickungen zu untersuchen, die Publikation erschien 2010. Die Quellenlage ist natürlich schwierig. Wie an vielen anderen Stellen sind auch hier die Akten verschwunden.


Welche Rolle spielt das Thema Medizin im Nationalsozialismus in der Ärzteschaft Ihrer Generation?

Wenn man das Thema zur Sprache bringt, merkt man, dass sich viele Kollegen damit noch nicht auseinandergesetzt haben. Ich erfahre aber sehr viel Zustimmung und positives Feedback auf mein Engagement. Und je mehr man sich der Vergangenheit stellt, desto mehr nimmt das Interesse zu. Die Betroffenheit wächst, wenn es nahe kommt.


Warum sollten sich junge Ärzte Ihrer Meinung nach mit dem Thema auseinandersetzen?

Ich will wissen, woher mein Fach kommt, welche Geschichte es hat. Man darf die Zeit nicht ausblenden, wie das selbst noch in jüngsten Darstellungen zur Strahlentherapie geschehen ist. Für meine Tätigkeit als forschende Ärztin ist die Beschäftigung mit der NS-Zeit eine Schule der Sensibilisierung, denn diese Zeit zeigt, wohin Medizin führen kann, wenn man nicht aufpasst.

Vielen Dank für das Gespräch!


Medicine after the Holocaust
Eine in den USA ansässige Vereinigung von Medizinern, die sich in Wissenschaftlichen Symposien, Reisen und Lehrmaterialien für die Aufarbeitung der Medizin im 3. Reich engagiert: http://www.medicineaftertheholocaust.org


Einladung zur Ausstellungseröffnung
Am Donnerstag, dem 29.05.2014, 11.30 Uhr wird auf dem Deutschen Röntgenkongress (Congress Centrum Hamburg) die Ausstellung „Radiologie im Nationalsozialismus“ eröffnet. Die Ausstellung ist bis Samstag, 31.05. zugänglich. Nächster Ausstellungstermin ist vom 03.-06. Juli 2014 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie in Düsseldorf.

 
Literatur
Urban Wiesing, Klaus-Rainer Brintzinger, Bernd Grün, Horst Junginger, Susanne Michl (Herausgeber): Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus. Franz Steiner Verlag, 2010 (Contubernium – Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 73). 1136 S. € 99, ISBN 978-3-515-09706-2


Fotos: © http://www.marschdeslebens.org

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